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Wilhelm Schmidt

Personendaten
NAME Schmidt, Wilhelm
ALTERNATIVNAMEN Heißdampf-Schmidt (umgangssprachlich)
KURZBESCHREIBUNG Ingenieur und Erfinder
GEBURTSDATUM 18. Februar 1858
GEBURTSORT Wegeleben
STERBEDATUM 16. Februar 1924
STERBEORT Bethel (bei Bielefeld - oder: Benneckenstein/Harz)

Vom frühen Sitzenbleiber zum großartigen Erfinder. Wilhelm Schmidt, der als „Heißdampf Schmidt" Geschichte machte, war bestimmt kein Musterschüler. Eine der unteren Klassen musste der am 18. Februar 1858 in Wegeleben Geborene wiederholen. Das ABC konnte er sein ganzes Leben lang nur stockend aufsagen. Trotzdem war er ein Inhaber von 200 Reichspatenten und 1200 Auslandspatenten.

Am 18.Februar 1858 kam er in der Badestraße Nr. 7 als einziges Kind des Botengängers Wilhelm Schmidt zur Welt. Seine Mutter stammte aus Badeborn bei Ballenstedt, wo sie Dienstmagd eines Bauern gewesen war.
Wilhelm Schmidt blieb das einzige Kind seiner Eltern. Er war von urwüchsiger Kraft, zutraulich und offenherzig.

Mit 17 Jahren zog er als Geselle durch Deutschland, wie das damals so üblich war. Und er begann, Bücher zu verschlingen, alle Bücher, die ihm in die Hand kamen, zuerst Indianergeschichten. Er wollte am liebsten nach Amerika gehen, um den Indianern im Kampf um ihr Überleben gegen die Weißen zu helfen. Später kamen Goethe, Schiller und der Philosoph Kant dazu. Eines Tages kaufte er für ein paar Groschen bei einem anderen Handwerksgesellen ein kleines Büchlein, ein Neues Testament, und las und las und las....

In sein Tagebuch schrieb er: "Wie selig war ich, als du mich Armen nach so furchtbarem Ringen nach Wahrheit und Frieden angenommen hattest! Die erste Liebe war beinahe der Himmel auf Erden. Denn ich fühlte dich immerfort in meiner Nähe. Ich ruhte ganz in deiner Liebe und kannte keine Furcht und Sorge."

Der gelernte Schlosser entdeckte sehr früh die Faszination Dampflokomotive für sich. Über Zufall und Empfehlungen zur Nutzung der Bibliothek und der Modellsäle der technischen Hochschule Dresden gekommen, zeigte sich bald Erfolg. Im Jahre 1879 erfand Schmidt eine rotierende Dampfmaschine ohne hin und hergehendes Gestänge. Schon im Jahre 1894 lief in Schweden die erste nach Schmidts Plänen gebaute Heißdampf-Lokomotive. Später im Jahre 1898 wurde die erste Heißdampf-Lokomotive mit einem Schmidt-Überhitzer in Dienst gestellt. Die Überhitzung des Dampfes wird als letzte große Erfindung in der Geschichte der Dampflok bezeichnet. Bei gleichem Kohleverbrauch bewirkte sie eine doppelte Leistung und einen doppelten Aktionsradius. Ab dem Jahr 1895 widmete sich Schmidt Versuchen mit Hochdruckdampf. Resultat waren um 1910 die erste stationäre Hochdruck-Kolbendampfanlage und 1928 die erste Hochdruckdampflok der Welt. Die ebenso kühne wie wohl utopische letzte Idee, das Wärmegefälle des Wassers zwischen Polarmeer und tropischen Meeren mit Ammoniak zur Dampferzeugung zu nutzen. All dieses konnte Schmidt nicht verwirklichen. In den Jahren 1895 bis 1899 war Schmidt Teilhaber in der Ascherslebener „ W. Schmidt und Co. Maschinenfabrik, Eisengießerei und Dampfkesselfabrik", aus der später die Aschers-lebener Maschinenbau AG, AMA, wurde. Heißdampf- Schmidt wurde 1908 Ehrendoktor der Technischen Hochschule Karlsruhe. Er wurde sogar vom preußischem König als Baurat ernannt.

Rückblickend muß man sagen, daß seine Erfindungen eine große Bedeutung für die technische Entwicklung der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts hatten und insofern haben sie auch eine große Bedeutung für die beiden Weltkriege gehabt, d.h. sie haben gewissermaßen die Uhr der Weltzeit schneller ticken lassen.

Wilhelm Schmidt war ein merkwürdiger Erfinder.

Einmal hatte er lange vergebens nach einer neuen Konstruktion für seine Lokomotive gesucht. In der Stille eines Sonntages sah er plötzlich, als er in Nachdenken versunken in seinem Zimmer saß, an der Wand gegenüber die Grundrisse einer Maschine gezeichnet. Seinem Grundsatz treu, am Sonntag nicht zu arbeiten, begnügte er sich damit, das Bild in Gedanken einzuprägen und am Montag aus dem Gedächtnis aufzuzeichnen.

Einmal suchte er monatelang vergeblich nach Zahlenverhältnissen, die bei der Entwicklung der Heißdampflokomotive wichtig waren. Weil er sie nicht fand, stellte er endlich die Lösung zurück und ging in die stille Einsamkeit der Bergwelt. Da, als er an einem Morgen erwachte - es war wieder Sonntag - standen plötzlich die gesuchten Zahlen bildhaft vor ihm. Diesmal schrieb er sie auf, ließ aber den Sonntag vorübergehen, ohne zu rechnen. Am Montag setzte er die geschauten Zahlenverhältnisse in seine Berechnungen ein und siehe, die moderne Heißdampflokomotive war erfunden! Kein Wunder, dass ihm seine Erfindungen wie Geschenke Gottes vorkamen. In seinem Tagebuch heißt es immer wieder: "Ich danke dir, Gott, ich danke dir."

Wilhelm bleib nicht bei dieser persönlichen Dankbarkeit stehen. Er hatte durch sein eigenes Erleben ein tiefes Mitgefühl und Mitleid mit Menschen, die in Not waren.

Er sah prophetisch den ersten Weltkrieg voraus und schrieb in sein Tagebuch: Es gibt kein irdisches Mittel mehr, die Weltkatastrophe aufzuhalten.

Als seine Hochdruckmaschine 1921 wissenschaftlich anerkannt wurde, sagte er nur: "Eine bedeutsame Sache! Aber was nützen alle Erfindungen, wenn die Welt in Blut und Tränen untergeht?"